»Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung«

Alphavilles »Afternoons In Utopia« und »The Breathtaking Blue« wurden neu aufgelegt
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Mit »Forever Young« schrieb das deutsche Trio ALPHAVILLE 1984 einen Song, der wohl eine ganze Generation Hörer berührte und jahrelang begleitete. Gleich zwei Jahre später schlugen die jungen Sänger mit dem zweiten Studioalbum „Afternoons In Utopia” ein weiteres Erfolgskapitel in ihrer Karriere auf. Neben den erstklassig produzierten Songs enthielt das Album auch den bildgewaltigen und innovativen Film „Songlines“, für den neun Regisseure Kurzfilme drehten – inspiriert von je einem Song des Albums. Nun kann man sich auf eine neu aufgelegte und erweiterte Deluxe Editionen von „Afternoons In Utopia” und „The Breathtaking Blue” freuen, betreut von den ALPHAVILLE Gründungsmitgliedern Marian Gold und Bernhard Lloyd persönlich. Das macht natürlich neugierig. Ich kam mit den beiden ins Gespräch.

Kennen Sie Thüringen? Was fällt Ihnen spontan zu unserm Land ein?
B. Lloyd: Ja, klar kenn ich Thüringen. Jena, Ilmenau, Erfurt und vor allem Weimar. Und damit verbunden natürlich Goethe und Schiller. Die Wiege deutschen Kulturgutes. Und eine sehr, sehr schöne Landschaft. Die berühmte Bratwurst natürlich auch. Die ist in Ostwestfalen aber auch sehr gut.

Gold: In den 90er Jahren haben wir da oft gespielt, in kleineren Clubs, das war ganz am Anfang, als wir angefangen haben zu touren. Da sind wir sozusagen »über die Dörfer« gezogen, durch Thüringen und Sachsen, mit einem ganzen Tross von Fans. Das fühlte sich an wie private Parties, weil das alles kleinere, intimere Veranstaltungen waren als heutzutage, der Kontakt zum Publikum war wesentlich direkter. Einmal, im Winter, ist unser Tourbus nach einem Gig von der Straße abgekommen. Da kamen sofort jede Menge Fans dazu, die uns begeistert geholfen haben, die Karre wieder vom Acker zu schieben. In Lauscha hab ich mir mal diese Flaschenteufel gekauft, überhaupt, in jeder Region gab es so Spezialitäten. Ich fand das immer interessant, sich in der Zeit vor dem Konzert im Ort umzutun und zu checken, was es da alles an Besonderheiten gab. Ich erinnere mich auch an einen Auftritt in Apolda, 1996, ich glaube, das war eines der besten Konzerte, das wir je gespielt haben. Es existieren auch noch Aufnahmen davon, unglaublich, eine sagenhafte Energie und eine fabelhafte Stimmung.

Seit Anfang Mai sind die Remastered-Versionen von »Afternoons In Utopia« und »The Breathtaking Blue« überall erhältlich. Was bedeuten Ihnen diese beide Alben und was gab den Anstoß sich diesen beiden Alben noch einmal so ausführlich zu widmen?
B. Lloyd: Wir haben 2019 schon unser erstes Album »Forever Young« einem ausführlichen Remastering unterzogen und in verschiedenen Deluxe-Version wiederveröffentlicht.
Das hat viel Spaß gemacht und ist auf gute Resonanz gestoßen. Das hat natürlich dazu geführt, dass wir uns die beiden folgenden Alben vorgenommen haben. Insbesondere bei »Afternoons in Utopia« hat dieses akribische Polieren und die digitale Aufbereitung extrem viel gebracht. Auch bei »The Breathtaking Blue« hat es geholfen den ursprünglichen Spirit von damals nicht nur zu bewahren sondern hervorzuheben.

Gold: Ich war erst nicht besonders interessiert an diesem Vorhaben. Für mich war das alles abgehakt. Aber im weiteren Verlauf wurde mir klar, wie viel Einmaliges und Prägendes mittlerweile in Vergessenheit geraten war und dass es wertvoll sein kann, sich wieder daran zu erinnern. Eigentlich war nichts wirklich verloren gegangen aus dieser Zeit, z. B. der »Spirit«, von dem Bernd gesprochen hat, der ist ja nach wie vor da, jetzt wurde jedoch offenbar, woher das alles kommt, wo das seinen Ursprung hat. Die ersten drei Alben sind das entscheidende Kräftedreieck, das Grundprinzip von Alphaville.

Haben Sie sich mit dem Remastering einen lange gehegten Wunsch erfüllt?
B. Lloyd: Das kann ich nur bejahen: Der Wunsch war schon ganz lange da. Aber oft fragt man sich dann auch, ob es wirklich Sinn macht, in die Vergangenheit zurückzukehren und zuckt zurück. Ich bin jetzt allerdings wirklich sehr froh, dass wir da gemacht haben. Diese Reise in die Vergangenheit war wichtig und richtig und hat sehr gut getan.

Bei Alphaville heute ist ja nur noch Marian Gold als Gründungsmitglied vertreten. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten zwischen Ihnen Marian und Ihnen Bernhard, wo sie doch sonst eher getrennte, musikalische Wege gehen?
B. Lloyd: Uns verbindet eine tiefgehende Freundschaft und wir haben viel miteinander erlebt und zusammen viel Musik erschaffen. Das sind unsere Babies. Darum kümmern wir uns gemeinsam.
Das funktioniert nicht nur auf der sachlichen Ebene ganz prima, wir haben sogar, ganz nebenbei, einige kleine „Geschichten“ von damals aufgearbeitet. Wir waren ja damals wie kleine Kinder die miteinander im Sandkasten spielen. Da haut man sich schon mal eine Schaufel auf den Kopf.

Gold: Es gibt eigentlich keine Person, mit der ich in den Jahren zwischen 1980 und 2000 mehr Zeit verbracht habe als mit Bernd. Das war eine unglaublich erfolgreiche 20-jährige künstlerische Zusammenarbeit. Daraus entsteht ein tiefes gegenseitiges Verstehen, das geht über eine normale Freundschaft weit hinaus, weil alles in einem kreativen Kontext stattfindet; da sprechen zwei Seelen miteinander. Manchmal war die daraus entstandene extreme Nähe zu viel für uns, dann gab es Krach. Das war wie ’ne Ehekrise und das konnte dann auch schon mal etwas dauern, bis wir wieder zusammenkamen. Aber letztendlich gab es kein Entkommen. Mit zunehmendem Alter wurde immer deutlicher, was für ein seltenes Geschenk unsere Beziehung ist. Die erneute Beschäftigung mit den ersten drei Alben war eine innere Bestätigung für dieses Gefühl. Da gibt es einen Subtext in der Musik, der hat eine geradezu tagebuchartige Qualität. Das erschließt sich natürlich nicht einem unbefangenen Zuhörer. Aber die daraus entstehende Intensität und Stringenz schon. Das noch mehr aus den neuen Mastern rauszukitzeln, diesen Spirit, das war in meinen Augen die hauptsächliche Aufgabe.

Auf »The Breathtaking Blue« enthalten ist auch eine überarbeitete Version des begleitenden Films »Songlines«, für den seinerzeit verschiedene Regisseure Kurzfilme drehten. Was hat sie damals zu dieser Filmproduktion bewogen und wie umfangreich war die Überarbeitung von »Songlines«?
B. Lloyd: Damals waren wir völlig überzeugt von dieser Idee, jeden Song dieses Albums verfilmen zu lassen, anstatt für zwei Single-Auskopplungen normale Promo-Videos zu drehen. Das war sehr ambitioniert, keine Frage, aber es hat geklappt. Wir hatten am Ende tatsächlich Kurzfilme von weltweit verstreuten Regisseuren mit unterschiedlichem Hintergrund und Ansatz. Einige von diesen Regisseuren haben danach großartige Karrieren gemacht, wie Susanne Bier. Einer dieser Kurzfilme hat sogar einen Oscar gewonnen. Das Problem war nur, dass es damals kein vernünftiges Medium dafür gab. Die VHS-Cassette hat eine unzureichende Qualität und die Laser-Disc (CD-Video) auf der »Songlines« dann erschienen ist, hat sich technologisch nicht durchgesetzt und auch die Digitalisierung der 35mm Filme hat damals nicht so ganz richtig geklappt. Wir haben diese originalen Filme aber wiedergefunden. Und wir haben sie komplett neu digitalisiert und dabei ist ein kleines Wunder geschehen. »Songlines« ist jetzt endlich in voller Pracht zu sehen. Der Unterschied zu damals ist gewaltig. Das hat uns extrem gefreut.

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